Episoden aus einer fahrbaren Kleinstadt
Über viele Jahre verschlug es einen gewissen Karl-Eduard Klimper immer wieder auf einen ganz bestimmten Campingplatz an der Ostseeküste.
Schauen sie hinter die Kulissen, und erlangen sie Einblicke, in das Treiben der Familien, die sich ein Leben ohne ihre fahrbare Kleinstadt nicht mehr vorstellen können: die Flottkes, die Gräsichs, die Harms, die Nörgels ... und selbstverständlich auch über die Einheimischen und deren Überlebenskampf im hohen Norden.
Durch die Schilderung alltäglichen Geschehens – aber auch recht dramatischer Ereignisse – ist dieses Buch nicht nur für Campinganfänger, sondern auch für Fortgeschrittene, besonders gut geeignet.
Hier ein kleiner Auszug:
Episode 10 - Der innere Schweinehund
Die vorletzte Ferienwoche ist angebrochen. Das Wetter ist na ja ... Doch zum Segeln, Surfen und Wasserskifahren reicht es allemal. So haben denn auch unsere Gebrüder Gramm als leidenschaftliche Katamaran-Fans fast jeden Tag genutzt um ihr Können zu verbessern. Nur mit dem Aufkreuzen gegen den Wind gibt es noch so einige Probleme.
Weht der Wind ins Landesinnere ist alles in Ordnung. In irgend einer Bucht geht es dann eben nicht mehr weiter. Haben wir aber ablandigen Wind ist die Sache eine völlig andere ...
Später Nachmittag des 3. August:
Nervös mit den Ferngläsern den Horizont absuchend stehst du mit der Clique an der Slippanlage. (Nur zur Information: eine Slippanlage ist eine meist betonierte Rampe, die in das Wasser hineinführt. Auf ihr werden die Boote zu Wasser gelassen oder wieder an Land gezogen. Hat also nichts mit Unterhosen oder Slipeinlagen oder so zu tun.) Das einzige, sich unaufhaltsam dem Strand nähernde Boot ist jedoch nur der Kutter von Käpt’n Harms.
Die See wird von Minute zu Minute rauer, und der Wind bläst beständig gen Norden.
Nur mit viel Geschick gelingt es dem Käpt’n seine Ankerboje zu erreichen und dort festzumachen. Er besteigt sein kleines Dingi und rudert an Land.
„Ahoi, Käpt’n! Hast du unsere Gebrüder Gramm getroffen? Sind seit vier Stunden überfällig!“, fragst du ihn besorgt.
„Hab ich, mien Jung, hab ich. Die sind auf Kurs Finnland. Kommen gut voran. Haben einander zugewinkt. Sahen aber nicht sehr begeistert aus, deine Gebrüder. Habe ihnen so lange Törns eigentlich noch nicht zugetraut. Wäre ja gern längseits gegangen. Nur mein Sprit war fast alle, verstehst du?“
„Ich glaube nicht, dass die beiden nach Finnland wollen, Käpt’n. Wir denken eher, sie haben sich maßlos überschätzt“, antwortest du.
„Hm.“ Der Käpt’n krault nachdenklich seinen Bart.
„Habt ihr schon die Küstenwache alarmiert?“
„Äh, nein. Wir dachten ...“ , stottert Ronnie verlegen.
„Hättet ihr man schon längst tun sollen. Der Ostsee ist zwar klein aber noch lange keine Badewanne, Mensch!“, knurrt der alte Seebär unwirsch, kritzelt ein paar Zahlen auf einen Zettel und reicht diesen zu Burgi hinüber.
„Nu aber los, ab zum Telefon inner Anmeldung und gib der Küstenwache die Koordinaten durch.“
Dann wendet er sich an den Rest von uns.
„Und wir machen jetzt meinen Kutter wieder klar. Ich brauche fünf Kanister Diesel. Nu mal los! Und du kommst mit. Dich brauch ich an Bord.“
Der Käpt’n ergreift dich am Kragen und eh du dich versiehst, sitzt du in dem kleinen Dingi mit einem Ruder in der einen Hand, während die andere in der Hosentasche nach einer klitzekleinen Tablettenschachtel sucht, jedoch vergeblich. Eine Viertelstunde später tuckern wir hinaus auf die See. Nach drei Stunde drosselt Harms den Motor und sieht in mein kreidebleiches Gesicht.
„Glaub man ja nich, dass mir das anners geht. Dauert immer ein paar Tage bis du dich an das Geschaukel gewöhnt hast. Hast doch sonst nicht so schnell schlapp gemacht!“
„Vergessen“, kommt es kleinlaut von dir.
„Was hast du vergessen?“
„Meine Antischlechttabletten. Ich habe heute morgen die Hose gewechselt und vergessen den Inhalt der Hosentaschen umzuräumen.“
Harms schüttelt den Kopf.
„Das war denn wohl ein tragischer Fehler.“
Er greift in seine Joppe und holt einen Flachmann hervor.
„Hier trink nen Schluck. Is reiner Jamaika-Rum. Nich irgend son Fusel. Entweder geht’s dir dann besser oder ganz schlecht.“
„Ne, lass man. Ich kann eh nicht viel ab von dem Zeug.”
„Zeuch? Dat is kein Zeuch! Zeuch is was zu Anziehen.“
Und während das Schiff durch die Wellentäler dümpelt und sich bedenklich von einer Seite zur anderen neigt, leert der Käpt’n genüsslich Schluck für Schluck die kleine Flasche.
Etwas später drosselt Harms den Motor.
„Warum fährst du nicht weiter?“
„Hier, genau hier hab ich sie zuletzt gesehen.“
Harms deutet auf den Kompass.
„Wenn sie das Segel eingeholt haben, und das haben sie ganz bestimmt, wenn sie nicht ganz bescheuert sind, dürften sie nicht mehr weit sein. Also mach die Augen auf.“
Dunkel wird es. Ein Gewittersturm zieht über uns hinweg. Und im Schein der grellen Blitze sehen wir eine Mastspitze in einem Wellental verschwinden.
„Da!“ , rufst du.
„Schon gesehen“, entgegnet Harms und klopft mir beruhigend auf die Schulter. Geschickt steuert er seinen Kutter durch die Wellenberge und hält auf den Katamaran zu. Dann stoppt er.
„Warum gehst du nicht längseits?“
„Zu gefährlich! Wir werden sie lieber in Schlepp nehmen. Das ist sicherer.“
Der Käpt’n öffnet die Baxkiste hinter sich und entnimmt ihr ein schier endlos erscheinendes daumendickes Seil.
„Du übernimmst jetzt das Ruder.“
„Bist du des Wahnsinns! Ich hab’ doch noch nie ...!“
„Du musst!“, fährt mir Harms über den Mund.
„Was meinst du wohl, warum ich dich mitgenommen habe? Hör also lieber zu. Du steuerst jetzt direkt auf sie zu. Und wenn ich „jetzt“ rufe ziehst du den Gashebel zurück und drehst bei. Ich werde den beiden dann das Seil zuwerfen. Drück die Daumen, dassas gleich beim ersten Mal klappt. Hast du verstanden?“
„Links rum oder rechts rum?“ , fragst du unsicher.
„Steuerbord natürlich.“
„Also links rum.“
„Natürlich nicht, du Landratte! Das ist hier kein Auto. Also rechts rum, wenn ich bitten darf.“
Noch bevor du weitere Fragen stellen kannst, bist du allein im Ruderhaus. Vor dir tanzt der Katamaran auf und ab und kommt näher und näher.
„Jetzt! Jetzt!“ , ruft Harms.
Entschlossen nimmst du das Gas zurück und drehst rechts bei. Ab diesem Augenblick beginnen Ewigkeiten zu vergehen.
Erschienen im Juni 2008 im Verlag - Book on Demand -
ISBN 978-3-8370-4046-3
Herausgeber: Klaus D. Klimke
Paperback 172 Seiten 12,80 €
zu bestellen bei: www.libri.de www.amazon.de www.buch.de www.buecher.de
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Mein Franzlinde