Der Antrag

 

Der Sachbearbeiter in der Wohngeldabteilung zog seine Brille in Richtung Nasenspitze und sah mir bedeutungsvoll in die Augen.

„Ich kann ihnen den Antrag nicht bewilligen, Herr Klimper. Sie werden umziehen müssen. “

„Aber warum denn ?“, fragte ich entrüstet.

„Ihre Wohnung hat fast doppelt so viele Quadratmeter als erlaubt. Dreiundvierzig Komma Acht, mehr stehen ihnen nicht zu, in ihrer Situation. Entweder sie ziehen um, oder sie sprechen noch mal mit Ihrem Vermieter. Vielleicht lässt sich da ja was machen. Ich könnte ihnen sonst auch noch eine Adresse geben. Unten am Hafen sind wieder einige Wohnquartiere leer. Seit dem das mit der Abschiebung so flott geht, sind wieder Kapazitäten frei. Sie müssten dann allerdings Ihre Möbel einlagern lassen. Die Kosten dafür würden wir selbstverständlich übernehmen. Bettwäsche und Handtücher sind da übrigens frei.“

Ich hielt es nicht mehr aus, stand auf und reichte ihm freundlich lächelnd die Hand.

„War nett ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Sachbearbeiter. Ich werde es erst einmal bei meinem Vermieter versuchen. Aber für alle Fälle, halten sie mir ein, äh, Quartier erst mal frei.“

Ich zwinkerte ihm zu, und er zurück.

 

Seit diesem denkwürdigen Tag kassiert mein Vermieter für meine Wohnung mehr Miete, ich beschlafe nur noch ein halbes Schlafzimmer, bewohne ein halbes Wohnzimmer und wasche mich in einem halben Bad, alles fein säuberlich getrennt mittels fachgerecht errichteter Leichtbauwände. Die Küche und der schmale Flur ließen sich allerdings nur durch eine auf den Boden gemalte Grenzlinie halbieren.

Die anderen Hälften meiner Wohnung bewohnt nun mein neuer Mitbewohner Ömer Ötzgül. Ein netter Kerl übrigens. Wenn man mal von ein paar ungewohnten Gewohnheiten seinerseits und verändernden Veränderungen in meiner täglichen Lebensplanung absieht.

Ich habe mich zum Beispiel daran gewöhnt, dass er morgens um halb vier fluchend durch meine Hälfte des Schlafzimmers stolpert - einen anderen Weg gibt es nicht, um nach geräuschvoller Benutzung unseres geteilten Bades in der geteilten Küche zu verschwinden, den geteilten Kühlschrank öffnet, und sich an der - eigentlich nicht geteilten - Milch genüsslich satt trinkt, und eine Wohnungstür einfach geräuschvoll ins Schloss fallen muss, wenn man denn Arbeit hat und zur Arbeit geht ...

Ich habe nun auch begriffen, dass unsere südländischen Erdenbewohner ein sehr kontaktfreudiges Völkchen sind, für die Worte wie Gastfreundschaft und Traditionen keine Fremdwörter sind, und somit allabendlicher Tanz, Musik, langatmige Ess- und Trinkgelage mit viel Besuch und lautstarke emotionsbeladene Diskussionen zur Lebensqualität einfach dazu gehören.    

Ich habe sogar begriffen, dass der kleine Teppich, der nun im Flur liegt, kein Fußabtreter, sondern ein Gebetsteppich ist, der bedingt durch seine nach Mekka ausgerichtete Position, die mit roter Farbe gezogene Trennungslinie nur ein ganz klein wenig überschreitet.

Für all das Begreifen bezahle ich nun weniger Miete, das Sozialamt wieder einen satten Mietzuschuss, und die Krankenkasse verlangt weniger Beitrag, weil ich das Rauchen, Saufen und übermäßige Fressen - ich ernähre mich jetzt „mediteran“ - aufgegeben habe.

Ich habe mich, auf dringendem Wunsch meines Arbeitsberaters, trotz des Eintrages „zu alt, nicht mehr vermittelbar“, beim Roten Kreuz neu einkleiden lassen, und den Gutschein vom Sozialamt für einen Friseurbesuch eingelöst.

Ab war der Zopf. Statt dessen trage ich nun einen Schnauzbart, lasse mir regelmäßig beim türkischen Frisör die Nasenhaare abfackeln, putze mir wieder öfter die Zähne, besuche ebenfalls regelmäßig den Zahnarzt - wegen des Zuschusses für das baldige Gebiss - und seit mich Ömer einmal nackt durch den Flur laufen sah - „Bist nicht beschnitten, oder was?“ - wechsle ich mindestens zweimal täglich meine Unterhosen.

Dafür bin ich morgens nun allerdings wieder allein. Ich meine so richtig allein -  ohne Frau.

 

„Iss er weg?“, fragte Cordula vor ein paar Wochen, und zog sich vorsichtig die Bettdecke vom Kopf.

„Nun, das weiß man bei ihm nie so genau. Oft vergisst er irgend etwas.“, antwortete ich.

„Du, ich mach’ das nicht mehr mit. Such dir eine andere. Das sind ja Zustände bei dir, wie auf einem türkischen Basar!“, sagte sie, verließ mein halbiertes Schlafzimmer, meine halbierte Wohnung, verschwand aus meinem halbierten Leben. 

Inzwischen liebe ich auch türkische Basare, Restaurants, Teestuben, An- und Verkaufsläden und Musik. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich habe noch nie so intensiv gelebt, wie in den letzten Wochen. Ömer hat schon mal vorgewarnt, dass demnächst seine Schwester zu Besuch käme. Ich solle mir das mit der Beschneidung doch noch mal überlegen.

Doch das ist eine andere Geschichte.

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